Interview: Someone Still Loves You Boris Yeltsin

Someone Still Loves You Boris Yeltsin

In der heutigen Zeit ist Beständigkeit ein fast schon fremdartiger Begriff geworden. Täglich werden wir von allerlei Trends und Wellen überschwemmt – sie alle sind vergänglich. Die Welt ist schnelllebig geworden und ihre Musik ist es auch. Mittelpunkt der Musik ist das „Entdecken“ geworden, wo doch das „Erleben“ so viel wichtiger ist. Was das Web ausspuckt, verschlingt es auch wieder. Nicht selten werden Bands Opfer ihres eigenen Hypes. Someone Still Loves You Boris Yeltsin sind zu einem seltenen Beispiel einer Band geworden, die unabhängig von diesem Trend existiert. Mit beruhigender Kontinuität und typisch amerikanischer Gelassenheit feiern sie in diesem Jahr ihr fünfzehnjähriges Bestehen. Im letzten Jahr noch veröffentlichte die Band ihr viertes Studioalbum „Fly By Wire“. Doch in den Hitlisten der Welt ist die Band noch nicht angekommen.

Als wir die Zusage für das Interview bekommen, touren wir selbst gerade durch Deutschland. Wie wir später erfahren sogar zeitgleich durch die gleichen Orte wie die Band. Im Feierwerk in München kreuzen sich schließlich unsere Wege. Auf dem Weg zum Backstagebereich fühlen wir uns schlecht vorbereitet. Zu wenig wissen wir über die Band mit der langen Historie und zugegeben: So richtig umgehauen hat uns ihre Musik bisher auch nicht.
Für das Interview treffen wir hinter der Bühne den eher introvertiert wirkenden Will, und Phil, der aufgedreht mit einem Flaschenöffner hantiert als wir den Raum betreten. Sie beide sind der Ursprung
von Someone Still Loves You Boris Yeltsin. Kennen sich schon seit der High School. Außer uns sind nur ihr Tourmanager Michael und Grace, Phils Ehefrau, im Raum. Der Rest der Band ist noch einmal nach draußen gegangen, um die letzten Sonnenstrahlen im frühlingshaften München einzufangen. Wir lassen uns auf einer speckigen Ledercouch direkt neben dem Buffet nieder. Auf dem Tisch stehen silberne Rechauds gefüllt mit veganen Leckereien. Während wir unser Aufnahmegerät einschalten herrscht gespannte Stille.

Wenn man sich im Internet Interviews mit euch durchliest beginnen diese stets mit der gleichen Frage. Könnt ihr die Frage nach der Herkunft eures Namens noch beantworten, ohne angepisst zu sein? 

Phil: Ich denke unser Name ist das, wofür wir am bekanntesten sind. Ich stelle mir vor, wie jemand unseren Namen in der Zeitung liest und die erste Frage die er sich stellt, ist die nach der Herkunft unseres Names. Also ist es logisch, dass das die erste Frage der Autoren ist, wenn sie mit uns sprechen.

Hat euch der außergewöhnliche Name als Band geholfen? 

Phil: Aufjedenfall! Vor allem als wir unser erstes Album („Broom„) veröffentlicht haben und sich alle gefragt haben, wer sich so nennt.

Ihr seid jetzt mit Someone Still Loves You Boris Yeltsin in eurem fünfzehnten Jahr. Habt ihr Pläne das zu feiern? 

Will: Ja. Ich meine, ja, vielleicht mit einem High Five oder so. (lacht)

Schaut man sich eure Wikipedia-Seite an, steht dort „Indie-Pop“. Auf der deutschen Seite steht sogar „Indie-Rock“. Versteht ihr euch denn überhaupt als Indie-Band?

Will: Wir haben wohl keine andere Wahl als „Ja“ zu sagen.

Phil: Es ist nicht so als hätten wir jemals darüber miteinander gesprochen, so wie „Hey, lass uns eine Indie-Band sein“ oder „Das sollte aber mehr nach Indie klingen“. Es passiert einfach.

Will: Ich weiß es noch immer nicht. Noch weiß ich wann das alles angefangen hat. Oder überhaupt was es ist. Ich meine, meint Independent dass wir die Sachen alleine machen?

Phil: Ich denke ja. Es heißt wir sind nicht besonders berühmt.

Will: Dann sind wir wahrscheinlich eine Indie-Band!

Phil: Aber selbst wenn wir berühmt würden, wären wir eine Indie-Band. So wie The Shins zum Beispiel. Die werden noch immer als Indie-Pop-Band beschrieben, obwohl die total berühmt sind.

Will: Wenn wir einen Manager hätten und ins Studio gehen würden; unsere Platte würde offiziell nicht „Indie“ sein, denke ich. Für mich ist es einfach Pop.

Wenn man sich die Songs von eurem neusten Album „Fly By Wire“ anhört und danach Aufnahmen, die ihr ganz zu Beginn gemacht habt: Hat sich der Sound eurer Meinung nach verändert?

Will: Hört euch „Tape Club“ an. Dort haben wir allen die Möglichkeit gegeben selbst zu beurteilen, ob sich unser Sound verändert hat. Wir haben die Platte mit einer Menge B-Sides und Demos veröffentlicht. Die Songs haben wir in chronologischer Reihenfolge geordnet, die ältesten Songs als erstes, so dass man gut beurteilen kann, ob sich etwas geändert hat.
Ich denke wir haben uns gleichzeitig vor- und zurückentwickelt. Manche Sachen liefen besser, manche schlechter. Aber die Songs selbst haben immer eine bestimmte Konstante gehabt und waren immer sehr stark. Nur die Art wie wir aufgenommen haben war unterschiedlich. Unsere Live-Shows sind und waren immer ganz anders als unsere Aufnahmen. Wenn du eine CD von uns kaufst nachdem du uns live gesehen hast, dann bist du wahrscheinlich etwas überrascht, weil es so anders ist. Aber da sind wir mit Sicherheit nicht die einzige Band.
Es kommt auch immer darauf an, ob die Bands im Studio komplett live einspielen oder ob die Spuren hinterher nur ein großes Ganzes sind. Das ergibt sich dann aber meistens bei den Live-Shows, weil die Bands dann so spielen müssen, wie sie es können.

Phil: Für unser letztes Album „Fly By Wire“ sind wir zum Beispiel zu unseren Wurzeln zurückgekehrt und haben es alleine aufgenommen.

Kurz vor diesem Album ist John aus der Band ausgeschieden, er war von Anfang an dabei. Hat sich nach seinem Ausstieg etwas verändert?

Phil: John hat einiges anders gemacht als wir, also ja. Das Album hört sich immernoch nach „Someone Still Loves You Boris Yeltsin“ an aber als John noch in der Band war, gab es drei Songwriter. Jeder brachte seine eigenen Einflüsse dazu – also fehlt jetzt natürlich einer dieser Einflüsse.

Will: Aber wir haben auch nicht versucht, diesen Einfluss von John irgendwie zu ersetzen oder ihn zu imitieren. Wir hätten bestimmt noch was mit ihm zusammen machen können aber es machte halt wenig Sinn, wenn er nicht mit uns auf Tour gehen würde. Also haben wir es gelassen und die Trennung vor dem Album hinter uns gebracht.

Ein durchaus mutiger Schritt, wenn man bedenkt, dass ihr über eine Dekade zusammen musiziert habt. Jetzt seid ihr ohne John auf Tour, momentan durch Deutschland. Was kann euch bei eurer vierten Tour durch Deutschland noch überraschen? 

Phil: Wir haben versehentlich ein Auto getroffen, mit unserem Van. Darüber dürfen wir aber nicht sprechen – aus rechtlichen Gründen (lacht). Oh und wir haben David Hasselhoff gesehen, am Checkpoint Charlie. Er dreht da für eine Dokumentation über die Berliner Mauer.

Will: Gestern haben wir in einem sehr kleinen Studio gespielt. Wir haben noch nie vorher in einem so kleinen Studio eine Show gespielt. Schade war, dass 300 Leute zu unserer Show wollten, aber nur 100 Leute reingepasst haben.

Spricht man mit Will und Phil, so spürt man auch eine gewisse Sehnsucht in ihnen. An diesem Abend ist die Nachfrage an ihrem Konzert eher gering und so wird es auch die folgenden Abende sein. Ihre Enttäuschung darüber können sie nur schwer verbergen, auch wenn sie alles geben. Auch wenn man den Beiden anmerkt, dass sie die Musik die sie machen mit all ihrer Kraft und aus ganzem Herzen machen, so geht der eher verhaltene Erfolg der Band auch nicht spurlos an ihnen vorbei. Wir verabschieden uns vorerst von den Beiden und nehmen am Tresen im Rückraum der kleinen Halle einen Drink. Zu unserer Überraschung folgen auch Will und Phil wenige Momente später, um einige bekannte Gesichter zu begrüßen. Als Will gleich neben uns einen Whiskey ordert, kommen wir noch einmal ins Gespräch. Er sei überwältigt gewesen, als wenige Abende zuvor eine ganze Familie inklusive Großmutter ihre Show besucht habe, sagt er und schaut uns dabei gedankenverloren tief in die Augen. Nachdem er das Glas geleert hat, verabschiedet er sich höflich bis nach der Show und betritt ohne Umwege zusammen mit dem Rest der Band die Bühne. Inzwischen sind es noch ein paar Zuschauer mehr geworden.

Das Gespräch mit den Beiden hat etwas in mir bewegt. Als die Band den ersten Song des Abends anstimmt muss ich grinsen. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf den Rest der Show. Obwohl ich die Band nur wenige Augenblicke vor dem Konzert kennengelernt habe, fühle ich mich wie ein Teil ihrer Familie. Alles ist irgendwie vertraut. Auch, als Phil seine Schwester Roni vorstellt. Sie ist seit geraumer Zeit die Keyboarderin der Band und so schüchtern, dass sie sich gar nicht traut, den Blick von den schwarz-weißen Tasten abzuwenden. Stattdessen ein verlegenes aber warmes Lachen.
Die Band hat Glück: Auch wenn die Zuschauerzahlen an diesem Abend nicht besonders sind, so sind es die Menschen, die gekommen sind, umso mehr. Und so dankt es der Band jeden Song mit frenetischem Applaus. Es dauert nicht lange bis auch diese den letzten Funken Enttäuschung abgelegt hat und aus sich heraus kommt. Wie Will es vor der Show in unserem Gespräch schon andeutete, spielt die Band ihre Songs live mit einer ganz anderen Energie. Und aus Pop wird plötzlich ein mitreißendes Rockkonzert.
Noch bevor die Band am Ende des Konzerts die Bühne verlassen kann, verlangt das Publikum lautstark nach einer Zugabe. Und sie meinen es auch so. Nach weiteren Songs und der ausdrücklichen Einladung, nach der Show noch mit der Band zusammen anzustoßen, legen sie schließlich ihre Instrumente beiseite. Verschwitzt bedanken sie sich auf dem Weg zum Backstagebereich noch persönlich bei einigen Gästen.

Am Ende des Abends bin ich überwältigt. Hätte man mich vor dem Interview gefragt, wie der Abend wird, ich hätte abgewunken. Dass ich eine Band, über die ich so wenig weiß, in so kurzer Zeit so ins Herz schließen würde, das schien mir unmöglich. Und doch haben Will, Phil, Roni, Tom und Jonathan genau das mit ihrer Direktheit, ihrer Herzlichkeit und nicht zuletzt natürlich auch mit ihrer Musik geschafft.
Nach ihrer Tour wollen „Someone Still Loves You Boris Yeltsin“ erstmal eine Pause auf unbestimmte Zeit machen. Sich ihren vielen Nebenprojekten widmen. Vielleicht ist auch das eines der Geheimnisse, um den langen Zusammenhalt der Band – und das in einer Zeit, in der kurzzeitiger Hype einen höheren Stellenwert hat als Konstanz und Bestreben. Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend der Trends auch nur ein Trend ist.

Wie in allen unserer Interviews, haben auch Someone Still Loves You Boris Yeltsin ihre Musiktipps für uns notiert.

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Interview von Ann Kristin Schenten und Alexander Voss
gepostet am by Alex in Bands, Interviews, Stories

About Alex

Alexander Voss gründete im Mai 2011 "Indie Track of the Day" auf Facebook. Im August 2012 startete er einen offiziellen, deutschsprachigen Blog zur Seite, um Interviews und ausführlichere Informationen über die Musik der Indie-Kultur zugänglicher zu machen.

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