Als die Nachricht über die Massenpanik mich erreichte, saß ich völlig ahnungslos auf der Couch. Das Telefon schellte und die Mutter eines Freundes war am Apparat. Besorg erkundigte sie sich nach ihrem Sohn, der sich am Nachmittag auf zur Loveparade nach Duisburg gemacht hatte. 
Ich konnte ihre Sorgen nicht verstehen und ich war sogar ein wenig genervt. Hatte sie den ganzen Nachmittag die Parade verfolgt, bloß um die ganze Zeit zu wissen, was ihr Sohn treibt? Und jetzt passiert mal ein kleiner Unfall und er ist nicht erreichbar – sofort bricht die große Panik aus. Ich sollte versuchen, einen weiteren Freund zu erreichen, mit dem er unterwegs war. Ich ging nach oben um mein Handy aus meiner Wohnung zu holen. Als ich wieder nach unten kam, hatte meine Mutter bereits den Fernseher eingeschaltet. Bestürzt berichteten die Reporter von dem Vorfall und seinen unfassbaren Folgen. Kurz verließ ich den Raum, um meine Freunde anzurufen. Ohne auch nur ein Freizeichen zu hören meldete sich eine Stimme mit den Worten: “Der von ihnen gewünschte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar”. Ich versuchte es erneut, ein zweites, drittes und auch ein viertes Mal meldete sich die emotionslos klingende Frau.
Nachdenklich beendete ich den Versuch, meine Freunde zu erreichen. Erst jetzt wurde mir bewusst, was da wirklich vor sich ging. Aus dem Nebenraum schallte weiterhin die Berichterstattung der entsetzten Reporter. Ebenso entsetzt fand ich meine sprachlose Mutter vor dem Fernseher vor – versteinert ihr Blick. Im Minutentakt erhöhte sich die Zahl der Menschen, die in der Menge ihr Leben verloren. Frauen und Männer, die einen schönen Tag verbringen wollten, feiern und tanzen wollten und mit Sicherheit niemals damit gerechnet haben, an disem Tag ihr Leben zu verlieren. Der Gedanke an die Angehörigen der Opfer versetze mir einen innerlichen Schlag. Umso besser konnte ich nun die Mutter meines Freundes verstehen, welche sich weiterhin entsetzliche Sorgen machen musste. Der Gedanke motivierte mich, es weiterhin zu versuchen. Erneut griff ich zu meinem Mobiltelefon. Endlich ein Freizeichen, doch dann – Mailbox. Ich versuchte es wieder und wieder. Nie hatte ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, was passieren würde, wenn plötzlich einer meiner besten Freunde sein Leben verlieren würde und ich wollte auch keinen Gedanken daran verlieren. Doch unweigerlich drängte sich in mir die eine Frage auf “Sind meine Freunde jetzt tot?”.
Ich probierte es erneut – wieder Mailbox. Ich bemerkte eine unangenehme Unruhe in mir aufsteigen. Ein klingeln – endlich. Eine SMS von einem der Freunde erreichte mich. Bloß eine Mailboxbenachrichtigung aber für mich war es in diesem Moment mehr als nur das. Ich spürte, wie eine große Last von mir abließ. Dann, ein Anruf. Es meldeten sich meine Freunde, sie waren frühzeitig ausgewichen und befanden sich nun im Bus nach Düsseldorf. Doch schon als sie an der besagten Unglücksstelle standen, seien Menschen zu Schaden gekommen. Erleichterung und Freude machten sich in meinem Körper breit. Gefühle, welche die Angehörigen von mindestens 19 Menschen an diesem Tag nicht gefühlt haben werden, als sie erfahren haben, wie ihre Söhne, Töchter, Enkel oder Kinder qualvoll in den Menschenmassen von Duisburg umgekommen sind. Für all’ diese Menschen empfinde ich tiefe Trauer und Beileid.

Viel Kritik wurde geäußert – zu Recht und zu Unrecht. Der Veranstaltungsort der Loveparade, ein alter Güterbahnhof, war für gerade einmal 500 000 Menschen ausgerichtet, gekommen sind aber 1,4 Millionen. Es muss eiserne Berechnung gewesen sein, denn das letzte Mal das die Loveparade weniger als 500 000 Besucher hatte war 2003, bei der letzten Loveparade in Berlin. Seit 2006 nun findet die Loveparade in Nordrhein-Westfalen statt, dem am dichtesten bevölkerten Bundesland Deutschlands. Aus einer sicheren Quelle musste ich erfahren, dass rund 3/4 aller Experten das Duisburger Sicherheits- und Wegekonzept im Voraus für mangelhaft erklärten. Trotz der Warnungen und Empfehlungen der Experten wurde das Event ignorant durchgezogen. Wer so plant, wie es in Duisburg der Fall war, kann man berechtigterweise nur Vorwürfe machen. Solche Menschen gehören ins Gefängnis und nicht in eine Planungsgruppe für ein Großevent wie die Loveparade es ist – oder besser war.
Doch gestern wurde auch vermehrt Kritik an den Rettungskräften geäußert. An Menschen, die bis zu letzt auch ihr Leben riskierten, um andere zu retten. Menschen, die an ihre Belastungsgrenzen gingen, um weiteres Unheil zu verhindern. Diese Menschen müssen sich jetzt noch der Kritik von Menschen stellen, die zum Teil gar nicht in das Geschehen involviert waren. Auch ein einzelner Polizist ist ohne die Befehle seines Vorgesetzen zum Nichtstun verdammt. Nicht an ihnen sollte Kritik geübt werden, sondern an den Menschen, die den ganzen Albtraum erst ermöglicht haben, die einen einzigen Zugang zu einem Massenspektakel zuließen und so hunderten Menschen einen schrecklichen Tag, den sie so schnell nicht vergessen werden, beschert haben. Ich kann diesen Menschen nur vorwerfen, dieses Unglück und somit den Tod von mindestens 19 Menschen kalt eingeplant zu haben, anders kann ich mir diese Planung nicht erklären.
Noch einmal möchte ich mein Mitgefühl an alle Betroffenen aussprechen!
Wie habt ihr den tragischen Vorfall bei der diesjährigen Loveparade miterlebt? Wenn ihr mögt, erzählt mir doch eure Geschichte oder eure Gedanke zu den Geschehnissen in den Kommentaren.
Schlagworte: 19 Tote, 2010, duisburg, Güterbahnhof, loveparade, loveparade2010, massenpanik, Tunnel

Danke Alex für diese Reportage!
Ich bin froh dich als Freund zu haben, denke Bene auch!
Bereits im Vorfeld fiel uns auf, zu wenig Platz, zu viele Leute.
Die Polizei und weitere Ordnungshüter waren überfordert, Rettungskräfte kamen sehr schlecht vorwärts, bereits an der ersten Absperrung herrschten unmenschliche Verhältnisse, es war eng/stickig/laut, wir mussten über den Zaun klettern, ein Verletzungsrisko welches die Polizei offensichtlich einkalkulierte, den Zaun öffnen wollten sie nicht.
An der zweiten Kontrollstelle standen wir ewig, glücklicherweise, denn so kamen wir nicht in den Bereich des Tunnels. Die Polizisten waren nett, aber auch hier völlige Überforderung. Erst hieß es, das Ende der Veranstaltung, dann es geht weiter, dann nein, denn es ist zu voll, dann es gibt Verletzte, verlassen sie geordnet den Bereich.
Auf Fragen gab es Unwissenheit als Antwort, viele Polizisten kannten nichtmals die Örtlichkeiten.
Wir waren uns bewusst, was beim Einlass am ersten Zaun passierte, wird auf den Rückweg wieder passieren.
Dennoch sagten alle Polizisten es gäbe nur den Weg, keinen anderen.
Auf eigene Faust suchten wir uns einen sicheren Weg durch die ruhigen Nebenstrassen zum Hbf.
Am Hbf das nächste Problem, die Polizei sperrte die Zugänge. Innen drin ähnlich voll wie vorher am Zaun. Wir suchten wieder einen anderen Weg, kamen durch den Busbahnhof zu den Ersatzbussen.
Keiner der Busfahrer, alle recht unfreundlich, konnten uns sagen wann er losfährt, alle fuhren durcheinander. Pures Chaos im Bahnhofsumfeld.
Endlich im Bus, dauerte es noch lange bis es los ging, aber immerhin Fensterplätze und nette Studenten aus Finnland und Belgien neben uns, mit denen es sich gut reden lies. Eine Unterhaltung für die Fahrt.
Zwei Stunden von Duisburg nach Düsseldorf, ein schlechter Scherz, Umwege oder Verfahren, keine Ahnung, aber der Busfahrer fuhr ziemlich Schwachsinnig. A40/A3/A46/B7/Innenstadt. A40/A3/A52/Innenstadt geht mit dem Auto in knapp 20 Minuten. Aber das ist ein anderes Thema, dennoch zu der Erschöpfung im Vorfeld kam es mir sehr anstrengend vor.
Wir haben ebenfalls erstmal nicht verstanden, warum so eine Panik herrschte, warum uns alle versuchten anzurufen, insbesonders Du und ein Rückruf war unmöglich.
-Zur Zeit ist der gewünschte Gespächsteilnehmer nicht erreichbar.-
Wir waren einfach froh da raus zu sein, an die anderen war erstmal kein Gedanke zu velieren. Im Bus ging die Party leicht gedämpft weiter, bis unser Sitznachbar die erste SMS mit der bitteren Nachricht bekam:”15 kuollut! Oletko vielä elossa?” – 15 Tote! Lebst Du noch?. Der Anfang der Tragödie…
Von dort an immer via 1Live (Ein DANKE für das Durchhalten von Seiten des WDR) “up to date” machten wir uns auf den Heimweg.
Unzählbare Einsatzkräfte, Polizei, NAWs, RTWs und THW kamen uns auf der Autobahn entgegen, am Himmel 5 oder 6 Rettungshubschrauber.
Weitere SMS und Anrufe erreichten uns langsam, Freunde und insbesonders Verwandte machten sich Sorgen.
Nach einem Anruf meiner Mutter dann Stille, meine Schwester war noch dort. Auch mit Ihr konnte keiner Kommunizieren. Nach außen hin gelassen, aber innerlich ziemlich erschüttert kamen wir in Düsseldorf an, trafen weitere Freunde und konnten mit der Bahn via Ratingen weiter Richtung Essen. Die Strecke nach Duisburg haben wir gemieden um nicht an dem Chaos vorbeizukommen.
Gegen 21:00h dann endlich die Erlösung für mich, meine Schwester ist bei einer Freundin aus Duisburg untergekommen, sie waren bereits im Bereich des Tunnels konnten aber im Schatten eines Rettungswagens entkommen und sitzen nun in der Duisburger Wohnung und verfolgen die Geschehnisse im Fernseher. Alle vier unverletzt.
Der Tag endete. Eine Ära auch.
Die Fehlersuche sollten wir bei der Staatsanwaltschaft belassen, jetzt schon Vorwürfe zu erheben ist meiner Meinung nach nicht Richtig.
Aber fest steht, dass man wusste, es werden mehr als 500.000 Menschen kommen, fest steht auch, dass das Sicherheitskonzept schlecht war, fest steht, dass es Warnungen von Öffentlicher und Privater Seite gab und diese von den Veranstalter und insbesondere von Seiten der Stadt Duisburg ignoriert wurde.
Meine Gedanken sind bei Hinterbliebenden der Verstorbenen, mein Beileid und Ruhet In Frieden, sowie bei den Verletzten im Krankenhaus und zu Hause, gute Besserung und eine glücklichere Zukunft.
Helft mit diesen Tag und damit die Opfer nicht zu vergessen.
Eine lückenlose Aufklärung sind wir den Opfern schuldig, denn das ist das letzte was wir für sie machen können.
24.07.2010 – We will never forget.
Ich bin wirklich froh, dass Alex B. und Bene es unverletzt geschafft haben
Ich war sehr erleichtert, dass du nicht da warst. Ich wäre vermutlich umgekommen vor Sorge…